John Wick als Priester? Für den abgefahrenen Action-Reißer Father Joe gibt sich sogar Hollywood-Legende Al Pacino her

Father Joe ist eine Zeitreise in die 90er Jahre, und das nicht aufgrund des zeitlichen Settings. Damals hätten Hollywood-Studios ein Vermögen ausgegeben, um Kiefer Sutherland als Killer-Priester zu engagieren und ihm Filmlegende Al Pacino in der Rolle eines Drogenbosses gegenüberzusetzen. 30 Jahre später sind die Gagen vermutlich etwas schmaler und die Budgets sowieso. Haarsträubende Story-Ideen bleiben aber glücklicherweise unbezahlbar.
24-Star Kiefer Sutherland ballert sich in dem Actionfilm durch New York City
Ein ehemaliger Elitesoldat hat seine Tochter an eine Drogenüberdosis verloren, weshalb seine Ehefrau an "gebrochenem Herzen" gestorben ist (so die Drehbuchdiagnose). Folgerichtig lässt sich Joe (Kiefer Sutherland) zum Priester weihen. Jeden Sonntag begrüßt er seine Gemeinde. In der Krypta lagert Joe allerdings ein Waffenarsenal, das dem Sommelier aus John Wick: Kapitel 2 den Neid ins Gesicht treiben würde. Auch die artig lauschenden Schäfchen im Gottesdienst haben es faustdick hinter den Ohren.
"Father Joe" zieht nachts nämlich durch New York City und macht Drogenlabore mit Knarre und Granate platt. Die Besitzer stellt er vor die Wahl: Wenn ihnen ihr Leben lieb ist, sollten sie seine Predigten besuchen. Um ihrer Bekehrung Nachdruck zu verleihen, injiziert Joe jedem ein Gift. Das Gegenmittel gibt's sonntags anstelle der Hostie. Als eine Produktionsstätte nach der anderen bei "Unfällen" abfackelt, wittert Drogenboss Giuseppe (Al Pacino), dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht.
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Father Joe hält weder dem Vergleich mit John Wick noch mit Luc Bessons eigenen Filmen stand
Die erstklassige Besetzung steht eindeutig auf der Habenseite des Films von Regisseur Barthélémy Grossmann (Arthur Malediction). Selbst wenn ein Al Pacino hier nur seinen Scheck abholt, tut er dies mit einem genüsslichen Zwinkern in den Augen, sobald die abgedroschenen Gangsterdialoge über seine Lippen tänzeln. Auch Kiefer Sutherland hat in seinem Alterswerk schon herausforderndere Rollen gespielt (ganz großartig war er etwa in Friedkins Die Caine-Meuterei vor Gericht!), aber zu sehen, wie der Star aus 24 völlig ironiefrei mit Kruzifix und einem Kilo 9-mm-Kugeln böse Buben ins Jenseits befördert, amüsiert durchaus.
Father Joe ist trotzdem nicht Kiefer Sutherlands John Wick, was vor allem auf die stillose, unrhythmische und potthässliche Action-Inszenierung von Regisseur Grossmann zurückzuführen ist. Die überladene High-Concept-Story von Drehbuchautor und Produzent Luc Besson hilft auch nicht gerade.
In den 90ern feierte Besson mit abgefahrenen Ideen dieser Art Erfolge im Action-Genre. Was, wenn eine drogensüchtige Verbrecherin zur Killerin ausgebildet wird? Was, wenn ein Killer sich mit einem Mädchen anfreundet? Die von ihm mitbegründete Firma EuropaCorp vervielfältigte diese Herangehensweise in Franchise-Zündern wie The Transporter und Taken, und Besson selbst drehte noch in den 2010ern vergleichbare Blockbuster wie Lucy mit Scarlett Johansson.
Im Jahr 2018 erhoben dann neun Frauen Anschuldigungen gegen Besson, darunter Vorwürfe sexueller Belästigung und Nötigung am Arbeitsplatz. Die Schauspielerin Sand Van Roy beschuldigte Besson der Vergewaltigung. Van Roys Fall ging bis vor den Kassationshof, das höchste Gericht Frankreichs, wo Besson im Juni 2023 freigesprochen wurde. Seitdem sind drei Regiearbeiten erschienen (darunter sein Dracula-Film mit Christoph Waltz), und ausgehend von Father Joe lassen sich wieder vermehrt Hollywood-Stars in seinen Produktionen blicken.
Al Pacino und Kiefer Sutherland zum Trotz handelt es sich bei Father Joe jedoch nur um ein Konglomerat aus Story-Ideen früherer Besson-Hits. Als dann auch noch ein junges Mädchen auftaucht (gespielt von Ever Anderson, Tochter von Milla Jovovich und Paul W.S. Anderson), das das strenge Herz des Killerpriesters aufweicht, verliert der Film vollends seinen Fokus. Ein Vergleich mit John Wick ist wohl von vornherein unfair. Doch selbst die Erinnerung an EuropaCorp-Hits wie Taken oder The Transporter kann Father Joe keine Vergebung für das verschwendete Potenzial seiner Stars bescheren.
Ich habe Father Joe beim diesjährigen Filmfestival in Venedig gesehen, wo der Film außerhalb des Wettbewerbs Premiere feierte. Einen deutschen Starttermin gibt es noch nicht.
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