Keine Fragen, nur Gefühle: Review zu "Oasis: Don't Look Back In Anger"

Es passt, dass am Ende des Films ein Priester salbungsvolle Worte spricht. Man möge in sich gehen und überlegen, ob es da nicht jemandem gibt, dem man verzeihen sollte, den Eltern, einem Freund… dem Bruder – sind wir nicht alle ein bisschen Gallagher? Angesichts von “Don’t Look Back In Anger”, der Reunion-Retrospektive der Regisseure Dylan Southern und Will Lovelace, scheint es fast, als hätte diese Geschichte gar keinen anderen Schluss haben können – die Streits, die Trennung, die anderthalb Jahrzehnte des Schweigens, der titelgebende Song, ein Happy End mit Anlauf, zugegeben einem langen, aber dafür mit umso größerer Katharsis.
Zwei Stunden lang wird die triumphale Rückkehr von Oasis aufbereitet. Herausgekommen ist ein Mix aus Konzertaufnahmen und O-Tönen, persönlichen Geschichten und kurzen Eindrücken: ein tränengetränktes Wimmelbild, versehen mit einem Soundtrack, so einnehmend, dass bei der Pressevorführung die Köpfe im Takt wippen, manch Medienvertreter kurz davor ist, Szenenapplaus zu geben und, ja tatsächlich, nicht nur auf der Leinwand zum Taschentuch gegriffen wird.
Der Livesound ist famos, die Band auf den Punkt eingespielt, und während sich Liam Gallagher von Beginn an in Bestform zeigt, ist Bruder Noel von der Wirkmächtigkeit des Unternehmens, zumindest am Anfang, latent überfordert. Einen Hehl daraus macht er kaum. “Mir wurde jetzt erst die ganze Tragweite dessen bewusst, was es für die Menschen bedeutet. Das kam völlig unerwartet, es hat mich regelrecht umgehauen.”
Ein Gefühl, das die meisten Fans rund um die triumphalen Oasis-Comeback-Konzerte wohl teilen. Die Brasilianerin, die ihren Hund Bonehead nennt. Der quasselnde Mancunian auf dem Weg in den Heaton Park. Weinende Fans zwischen zerknickten Bierbechern, die Halle fast leer, das gerade Erlebte emotional viel zu groß, um es an Ort und Stelle noch zu verarbeiten. Ein Gefühl der emotionalen Überforderung, das sich zum Teil auch im Verlauf des Films einstellt, dieser fortwährenden Montage aus Euphorie und Tränen, Jubel und Fassungslosigkeit – wie der Trailer zum Film, nur auf 120 Minuten verlängert.
Oasis: Don’t Look Back In Anger | Doku
Regie: Dylan Southern & Will Lovelace
Mit: Liam Gallagher, Noel Gallagher, Anaïs Gallagher, Andy Bell, Paul Arthurs, Joey Waronker, Gem Archer, Christian Madden
Disney, 122 Minuten
ab dem 09.09. im Kino
Dabei liegen die stärksten Momente oft abseits der Bühnen, wenn es still wird, die kurzen Augenblicke, in denen niemand weint, schreit oder klatscht. Die Geheimproben mit Liam, der grußlos kommt und geht. Die Ruhe im Bauch des Stadions von Cardiff, kurz vor dem Konzert. Der Stromausfall vor dem Fernseher in Seoul. Da wird aus dem Tinnitus der Zuschauerränge plötzlich ein leiser Zwischenton. Wie gern hätte man mehr von den Proben gesehen, von Liam und Noel gehört, wie sie da am Kneipentisch sitzen, schwadronieren (Liam) und wissend lächeln (Noel). Überhaupt: dass weder Bonehead noch Gem Archer, weder Andy Bell noch Joey Waronker auch nur einen O-Ton abgeben, erscheint absurd. Und wo war eigentlich Guigsy? Der Streit und seine Hintergründe, die Umstände der Versöhnung, Boneheads Ausstieg aufgrund seiner Krebsdiagnose, kein Wort davon, dafür jedoch ein emotionales Farewell an Gary “Mani” Mounfield, Bassist der Stone Roses und Primal Scream, von allen geliebt, verehrt, vermisst.
So muss “Don’t Look Back In Anger” sich die Kritik gefallen lassen, den Schonwaschgang eingelegt und kaum Platz für Faktisches oder gar Kritisches gelassen zu haben. Dem Entertainment tut das keinen Abbruch, im Gegenteil: Die Songs sind längst größer als je zuvor. “Sie gehören uns nicht mehr”, sagt Liam, “sie gehören den Menschen.” Während gerade Gerüchte um Knebworth – und Konzerte in München? – die Runde machen, könnte das Timing für diesen Appetizer im Kinoformat kaum besser sein. Die nächste Ticket-Warteschlange kommt bestimmt.
8 / 12Der Beitrag Tausend Tränen tief erschien zuerst auf VISIONS.de.
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